Autor: Stephan Lendi

Roboter, die eigenständig durch Fabrikhallen laufen, Treppen steigen und mit Menschen interagieren – was wie Science-Fiction klingt, ist bei ANYbotics Realität. Im AI Talk Podcast gibt Robert MacKenzie, ehemaliger Chief Product Officer und CTO von ANYbotics, tiefe Einblicke in die Entstehung, Herausforderungen und Zukunft autonomer Roboter. Die Geschichte von ANYbotics zeigt, wie Schweizer Deep Tech vom ETH-Labor in die Industrie gelangt und weltweit Massstäbe setzt.

Von der ETH Zürich zum globalen Robotik-Pionier

ANYbotics wurde als Spin-off der ETH Zürich gegründet – mit der Vision, eine autonome Roboter-Workforce für industrielle Anwendungen zu schaffen. „Roboter sind nicht neu, aber das autonome Arbeiten in komplexen Umgebungen ist es. Wir wollten Roboter entwickeln, die wirklich Seite an Seite mit Menschen arbeiten können“, erklärt Robert MacKenzie. Der vierbeinige Roboter „Animal“ ist das Aushängeschild des Unternehmens: Er navigiert selbstständig durch Industrieanlagen, sammelt Daten, misst Temperaturen, prüft Gaswerte und erkennt Anomalien – und das über mehrere Etagen, auch auf rauem Untergrund und bei wechselnden Bedingungen.

ANYbotics hat es geschafft, aus der universitären Forschung ein marktreifes Produkt zu entwickeln, das heute weltweit in Chemieanlagen, der Energiebranche, im Bergbau und bei erneuerbaren Energien eingesetzt wird.

Praktische Anwendung: Roboter im harten Industriealltag

Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Einsatz bei Givaudan Firmenich, einem Chemieunternehmen nahe Zürich. „Dort läuft Animal täglich Inspektionsrunden, steigt hunderte Stufen, misst an verschiedenen Messstellen und liefert ein digitales Abbild der Anlage. So bekommen die Betreiber einen ganzheitlichen Überblick und können Prozesse optimieren“, so MacKenzie.

Die Roboter übernehmen Aufgaben, die für Menschen gefährlich, monoton oder schlicht unbesetzt sind. Sie sammeln Daten an schwer zugänglichen Orten, erkennen frühzeitig Störungen und helfen, Anlagen effizienter und sicherer zu betreiben. Die Einsatzfelder reichen von der Chemie- und Energiebranche über den Bergbau bis hin zu erneuerbaren Energien.

Vertrauen und Akzeptanz: Mensch und Maschine als Team

Ein zentrales Thema bei der Einführung autonomer Roboter ist das Vertrauen der Menschen in die Technologie. „Roboter müssen sich nahtlos in menschliche Arbeitsumgebungen einfügen. Das beginnt bei der Interaktion – die Bedienung muss intuitiv und sicher sein – und reicht bis zur Frage, wie sich Roboter verhalten, wenn Menschen in der Nähe sind“, betont MacKenzie.

ANYbotics setzt auf höchste Sicherheitsstandards, Hinderniserkennung und eine Formensprache, die an Tiere erinnert: „Unsere Roboter sehen nicht wie Menschen aus. Das macht sie für viele sympathischer und weniger bedrohlich. Sie sind wie tierische Helfer, die unterstützen, nicht ersetzen.“

Die Akzeptanz in der Industrie ist hoch – nicht zuletzt, weil viele Betriebe heute kaum noch Personal für gefährliche oder monotone Aufgaben finden. „Unsere Roboter übernehmen Tätigkeiten, die niemand mehr machen will. Die Akzeptanz ist hoch, weil sie den Menschen Arbeit abnehmen, nicht wegnehmen.“

Einführung und Wandel: Training für Mensch und Maschine

Die Einführung von Robotern ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung. „Es beginnt oft damit, die Menschen zu schulen und die Scheu vor der neuen Technologie abzubauen. Sobald die ersten Erfahrungen gemacht sind, sehen die meisten die Vorteile und betrachten den Roboter als hilfreichen Kollegen“, berichtet MacKenzie.

Die Roboter selbst müssen ebenfalls trainiert werden – sie lernen, sich in wechselnden Umgebungen zu bewegen, Hindernisse zu erkennen und auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Das Zusammenspiel aus menschlicher Erfahrung und maschinellem Lernen ist entscheidend für den Erfolg.

Leadership in der KI- und Robotik-Ära

Als Führungskraft in einem Hightech-Unternehmen setzt MacKenzie auf klare Prinzipien:

MacKenzie betont, wie wichtig es ist, klare Ziele zu setzen, Wissen aktiv zu teilen und schnelle, dezentrale Entscheidungen zu ermöglichen.

Die nächste Robotik-Generation: Embodied AI und neue Fähigkeiten

Die Entwicklung geht rasant weiter. „Der nächste grosse Schritt ist Embodied AI – Roboter, die nicht nur Bewegungen ausführen, sondern eigenständig planen, lernen und sich an neue Situationen anpassen. Multimodale Sensorik, Tastsinn und cloudbasierte Koordination werden Roboter noch vielseitiger machen“, so MacKenzie.

Technologien wie Google DeepMind Gemini oder Nvidia Newton zeigen, wie Roboter künftig komplexe Aufgaben mit mehr Präzision und Flexibilität bewältigen können. Die Kombination aus fortschrittlicher Hardware, KI und Cloud-Integration eröffnet völlig neue Möglichkeiten.

Schweiz als Innovationsstandort: Chancen und Herausforderungen

ANYbotics ist ein Beispiel dafür, wie Schweizer Innovation weltweit Wirkung entfaltet.
„Die Schweiz ist führend in Forschung und Entwicklung, aber beim Transfer in die Industrie und bei der Wachstumsfinanzierung gibt es noch Luft nach oben. Es braucht mehr Mut, Innovationen gross zu denken und umzusetzen“, sagt MacKenzie.

Er sieht die Schweiz als Deep-Tech-Nation mit exzellenten Talenten, wünscht sich aber mehr Unterstützung beim Übergang von der Forschung zur Marktreife – etwa durch gezielte Investitionen, offene Regulierung und eine stärkere Vernetzung mit internationalen Partnern.

Roboter als Partner für den Menschen

ANYbotics und Robert MacKenzie stehen für eine neue Generation von KI-getriebenen Robotern, die nicht nur technische Meisterleistungen vollbringen, sondern echte Probleme lösen – und dabei Mensch und Maschine als Team denken. „Roboter sind dann erfolgreich, wenn sie den Menschen stärken, nicht ersetzen. Die Zukunft gehört denen, die Technologie mit Verantwortung, Offenheit und Teamgeist gestalten.“

Die Geschichte von ANYbotics zeigt: Wenn Vision, Ingenieurskunst und Mut zusammenkommen, können Roboter die Arbeitswelt nicht nur effizienter, sondern auch menschlicher machen.

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Über den Podcast AI Talk
AI Talk ist der Podcast über Künstliche Intelligenz in der Schweiz – mit echten Macher:innen, Expert:innen und Entscheidern aus Tech, Forschung, Politik und Wirtschaft. Moderiert von Stephan Lendi und Dalith Steiger-Gablinger beleuchtet der Podcast in jeder Folge neue Perspektiven rund um Innovation, Verantwortung und die konkrete Anwendung von KI-Technologien. Ob Ethik, Regulation, Talententwicklung oder Deep Tech – AI Talk verbindet persönliche Einblicke mit strategischem Weitblick.

 

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