Autor: Stephan Lendi
Die Schweizer Startup-Szene erlebt einen tiefgreifenden Wandel, angetrieben durch die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI). Im AI Talk Podcast gibt Dr. Thomas Dübendorfer, Serial Entrepreneur, Angel Investor und Präsident des führenden Angel-Investoren-Clubs SICTIC, einen offenen und inspirierenden Einblick in die Chancen und Herausforderungen für Startups, Investoren und das gesamte Innovationsökosystem der Schweiz.
Vom Studium der KI zur Investorenrolle
Thomas Dübendorfers Beziehung zur KI reicht weit zurück. Bereits 1998 besuchte er seine erste Vorlesung zu neuronalen Netzwerken an der ETH Zürich. „Damals habe ich mich erstmals intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Maschinen natürliche Objekte in Bildern erkennen können – das war noch vor dem heutigen KI-Hype.“ Seine Faszination für maschinelles Lernen vertiefte sich später bei Google, wo er ab 2006 mit Machine Learning gegen Betrug arbeitete. „Maschinelles Lernen ist nicht gleich KI, aber heute sprechen wir sehr breit über künstliche Intelligenz, weil die Systeme immer mehr können und immer mehr Bereiche durchdringen.“
KI als Motor für Effizienz, Innovation und neue Geschäftsmodelle
Für Dübendorfer ist KI vor allem ein Katalysator für Automatisierung und Effizienzsteigerung. „Im Kern ist KI hochgradige Automatisierung datengetriebener Prozesse. Alles, was mit Daten zu tun hat, kann auf ein neues Level gehoben werden. Das eröffnet Möglichkeiten, die früher schlicht nicht automatisierbar waren.“
Er differenziert zwischen Startups, die bestehende KI-Modelle für konkrete Anwendungsfälle adaptieren, und solchen, die neue wissenschaftliche Modelle oder Infrastruktur entwickeln. Besonders wichtig sei, dass KI nicht nur als Marketing-Schlagwort dient: „KI darf nicht einfach auf der Webseite stehen. Sie muss in der DNA der Firma verankert sein und echten Mehrwert bringen.“
Ein anschauliches Beispiel liefert er mit einem Legal-Tech-Startup, das KI nutzt, um das Wissen von Senior-Partnern in Anwaltskanzleien zu sichern und zugänglich zu machen. „So bleibt wertvolles Know-how erhalten, auch wenn erfahrene Anwälte ausscheiden. Das verändert das Geschäftsmodell grundlegend. Wer KI nicht nutzt, hat langfristig einen Wettbewerbsnachteil, denn die Branche muss sich anpassen – sonst kommt der Druck von aussen.“
Schweizer Stärken und das Dilemma der Wachstumsfinanzierung
Die Schweiz verfügt über exzellente Talente, eine starke Hochschullandschaft und ein gutes Verständnis für komplexe Zusammenhänge. „Wir verstehen komplexe Zusammenhänge und können mit neuer Technologie sehr gut umgehen. Aber bei der Wachstumsfinanzierung sind wir schwach.“ Dübendorfer sieht die Ursache vor allem in der Schweizer Mentalität: „In Europa und der Schweiz herrscht Angst, etwas zu verlieren. Risikokapital ist negativ konnotiert – in den USA heisst es Venture Capital, das klingt nach Abenteuer und Aufbruch.“ Die Folge: Viele Schweizer Innovationen verlassen das Land, weil sie im Ausland leichter an Wachstumskapital kommen.
Dalith Steiger-Gablinger, Co-Host des Podcasts, bringt es auf den Punkt: „Wir müssen von einer Erbkultur zu einer Investitionskultur kommen. Es gibt genug Geld in der Schweiz, aber zu wenig Mut, es in Innovation zu stecken.“ Hoffnung sieht Dübendorfer in neuen Strukturen wie Deep Tech Nation Switzerland: „Wenn Pensionskassen und Stiftungen in breit gestreute Venture-Fonds investieren, kann das Kapital gezielt für die Lokalwirtschaft wirken. Das ist ein wichtiger Schritt, um das Ökosystem zu stärken.“
Sichtbarkeit, Stolz und die Kraft der Erfolgsstories
Ein weiteres Problem ist die Schweizer Bescheidenheit. „Wir haben über 50 Startups, die eine Bewertung von über einer Milliarde erreicht haben – aber niemand spricht darüber. Erfolg wird nicht gefeiert, sondern fast versteckt.“ Dübendorfer fordert mehr Sichtbarkeit und Stolz auf Schweizer Innovationen: „Wenn wir grosse Exits sehen und darüber reden, kommt der Hunger nach mehr. Erfolgreiche Gründer investieren dann wieder in neue Startups – das ist der Katalysator für ein lebendiges Ökosystem.“ Die Plattform Deep Tech Nation Switzerland macht diese Erfolgsgeschichten sichtbar und motiviert so die nächste Generation von Gründerinnen und Gründern.
Fehlerkultur, Lernbereitschaft und Teamgeist
Für Dübendorfer ist klar: „Das Grundprinzip für ein attraktives Startup hat sich nicht geändert – schnell, kapitaleffizient und besser als der Status Quo.“ Doch entscheidend sei heute mehr denn je, dass Teams lernfähig sind und die aktuellen Herausforderungen wirklich verstehen. „Man muss auch mal scheitern dürfen. Wichtig ist, dass man daraus lernt und es nochmal versucht – das bringt das ganze Ökosystem voran.“ Gerade die Bereitschaft, Fehler zu akzeptieren und daraus zu lernen, unterscheidet erfolgreiche Innovationsökosysteme von stagnierenden Märkten. Die Schweiz hat hier Nachholbedarf, aber auch enormes Potenzial.
Mut, Investitionen und eine neue Innovationskultur
Die Schweizer KI- und Startup-Szene steht an einem Wendepunkt: Herausragende Talente und innovative Ideen sind vorhanden – was fehlt, ist eine Kultur des Mutes, der Investition und der Sichtbarkeit. Dr. Thomas Dübendorfer und die Gäste des AI Talk Podcasts zeigen, dass es Zeit ist, stolz auf Schweizer Innovationen zu sein, Risiken als Chancen zu begreifen und gemeinsam an einem starken KI-Ökosystem zu bauen.
„Ich glaube fest daran: Wenn wir unsere Fehlerkultur stärken und mehr in Innovation investieren, wird die Schweiz auch im KI-Zeitalter ganz vorne mitspielen.“
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Über den Podcast AI Talk
AI Talk ist der Podcast über Künstliche Intelligenz in der Schweiz – mit echten Macher:innen, Expert:innen und Entscheidern aus Tech, Forschung, Politik und Wirtschaft. Moderiert von Stephan Lendi und Dalith Steiger-Gablinger beleuchtet der Podcast in jeder Folge neue Perspektiven rund um Innovation, Verantwortung und die konkrete Anwendung von KI-Technologien. Ob Ethik, Regulation, Talententwicklung oder Deep Tech – AI Talk verbindet persönliche Einblicke mit strategischem Weitblick.
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